Mittwoch, 18. Mai 2016

//Digitale Assistenten, Viv

Eine neue Schnittstelle für alles

Viele digitale Assistenten stecken noch in den Kinderschuhen und eignen sich gerade mal für Alltäglichstes wie sprachgesteuerte Kalendereinträge, die Suche nach dem nächstgelegenen Restaurant oder die Routenplanung für den Wochenendausflug. Viv geht einen Schritt weiter, indem es die Sprachsteuerung für das Smartphone mit dem Internet der Dinge verknüpft. Die neue Technologie der Siri-Entwickler zur intuitiven Interaktion mit Geräten und Diensten weltweit tritt an, sich als universelle Plattform für das gesamte Netz zu etablieren.

Was Dag Kittlaus auf der Disrupt 2016 in New York vorzuführen hatte war schlichtweg erstaunlich. Wer träumt nicht davon, nach einem lang gewordenen Abend mit dem besten Freund oder der besten Freundin an der Bar, am Morgen danach mit nur einem gesprochenen Satz die Schulden der letzten Nacht zu begleichen. Oder davon, in der Mittagspause mit dem Smartphone bequem die Blumen zum Muttertag zu bestellen, ohne sich dafür irgendwo anmelden und auf einer viel zu kleinen Smartphone-Tastatur lange Formulare ausfüllen zu müssen. Einfach die Bestellung ins Smartphone gesprochen und fertig. Mit Viv geht das.

Diese Welt ist keine Insel
Anders als Siri und Cortana, die digitalen Assistenten von Apple und Microsoft, funktioniert Viv herstellerübergreifend und lässt sich so auf jedem beliebigen Gerät immer gleich verwenden. So muss z. B. nicht für jede proprietäre Spracherkennungstechnologie ein neues Vokabular an Schlüsselwörtern erlernt werden. Der eigentliche Clou an Viv ist jedoch, dass die Plattform eine direkte Brücke zur Waren- und  Dienstleistungswelt im Internet schlägt. Das Telefon wird so - dem Prinzip nach - zu einem intelligenten mobilen Portal (inkl. Kreditkarte) für alle im Netz verfügbaren Dienste und Services. Die der Plattform zugrundeliegende Software schreibt sich mit jeder Interaktion selbstständig fort und wird dadurch nicht nur immer schlauer, sondern bleibt auch skalierbar, d. h. sie kann im großen Maßstab eingesetzt werden. Warum Skalierbarkeit in diesem Fall so wichtig ist zeigt sich an einem Vergleich mit „M“, dem digitalen Assistenten von Facebook, mit dem das soziale Netzwerk als Absatzkanal für Unternehmen interessanter werden möchte. M befindet sich noch in der Beta-Phase. Da das Programm viele natürliche Anfragen seiner Nutzer (noch) nicht versteht, arbeiten Menschen im Hintergrund daran, die gewünschte Dienstleistung „manuell“ umzusetzen und das Programm per Hand fortlaufend zu optimieren. Da kann es schon mal passieren, dass das intelligente Helferlein bei einer schwierigen Anfrage einfach ganz verstummt und sich erst mit einer Verspätung von zwei Stunden wieder zurückmeldet. Das lässt - angesichts von über 1,5 Mrd Facebook-Nutzern - bei manchem Zweifel aufkommen, wie einsätzfähig Facebook M im Alltag wirklich ist. Mal ganz abgesehen davon, dass nicht jeder - aus welchen Gründen auch immer - seine Einkäufe über Facebook abwickeln möchte. Viv ist dagegen ein offener Standard und lässt sich im Prinzip auf jedem Gerät der Welt einsetzen.

„Getting things done“ statt Soft Skills
In der Diskussion, wie sich künstliche Intelligenz in Zukunft am besten in den Alltag integrieren lässt, werden oft auch weiche Faktoren ins Feld geführt. So sollen z. B. Chatbots besonders klug und gewitzt sein, damit wir uns gerne mit ihnen unterhalten. Der Versuch einer Unterhaltung mit „Poncho“, der Wetterkatze im Facebook-Messenger, endet jedoch meist so: „So, I'm good talking about the weather. Other stuff not so good.“ Das liegt daran, dass es sich bei Chatbots ihrer Anlage nach nicht um wirklich künstlich intelligente Systeme sondern eher um einfache Dialogsysteme handelt, die auf der Zuordnung von Standardsprachversatzstücken zu vorformulierten Antwortsätzen in einem eng umgrenzten Themenbereich basieren. Und das merkt man dann eben auch. Die soziale Kompetenz ist im Prinzip nur vorgegaukelt. Nichtsdestotrotz können Chatbots sehr praktisch sein. In China ist es beispielsweise unter Jugendlichen durchaus üblich, per Chatbot Kinotickets zu bestellen. Allemal besser, als für Minuten in einer Telefonwarteschleife festzuhängen. Und für Unternehmen sind Chatbots eine kostengünstige Alternative, einen passablen Kundenservice anzubieten, der zum Lifestyle einer jungen und technikaffinen Generation passt. Viv hingegen lässt diesen kommunikativen Aspekt völlig außer Acht und konzentriert sich ausschließlich auf eine intuitive Sprachbedienung und die möglichst intelligente Verknüpfung verschiedenster Informationen. Die neue Technologie könnte damit das Anliegen der meisten Nutzer befriedigen, nämlich dass Dinge einfach möglichst schnell erledigt werden und die künstliche Intelligenz sonst nicht weiter in Erscheinung tritt.

Ist das die Zukunft?
Viv positioniert sich als neue, universelle Plattform für das Internet der Dinge und einen selbst hinaufbeschworenen Marktplatz der Zukunft und könnte damit langfristig zahlreiche Apps und auch manuelle Eingaben über die Suchmaschine überflüssig machen. Mit diesem Ansatz kratzt Viv am Gatekeeper-Monopol von Google, Facebook, Apple oder auch Amazon. Es bleibt mit Spannung abzuwarten, wie die großen Konzerne darauf reagieren werden.