Der Playstation-Effekt
Die
Digitalisierung macht auch vor der Welt des Profi-Sports nicht halt: Echtzeit-Tracking-Systeme
liefern neue Einsichten für die Trainingsoptimierung, aber auch Daten für
statistische Zusatzdienste.
Was auf dem Bildschirm aussieht wie
eine Fußball-Manager-Simulation aus Kindertagen oder eine harmlose Partie des
Playstation-Klassikers FIFA könnte schon bald zum entscheidenden Faktor über
Erfolg oder Misserfolg im Profi-Sport werden: die Rede ist von der Erfassung
und Analyse von Spielerdaten in Echtzeit mithilfe von Big-Data-Technologien.
Denn im Zuge der allgegenwärtigen Digitalisierung haben die Kameras, Funksysteme und Sensoren auch das Stadion erobert und verschaffen Einblicke von
ungeahnter Präzision. Die insgesamt zurückgelegte Laufstrecke, die Anzahl der
Ballkontakte, die Anzahl der gewonnenen und verlorenen Zweikämpfe - all das ist nur der Anfang. Typische Muster von Spielzügen lassen sich ebenso
herausarbeiten und optimieren wie Leistungsstatistiken. Die in einer Datenbank archivierten
Daten aus der Trainings- und Spielpraxis bilden zudem die Grundlage für
langfristige Analysen und die mathematische Modellierung und Visualisierung von
Entwicklungen und Trends. Auch biometrische Daten können miteinbezogen werden. Alle so gewonnenen
Informationen lassen sich gezielt nach den gewünschten Kriterien aufarbeiten,
und das nicht nur, um das eigene Training zu optimieren, sondern z. B. auch
zur Gegneranalyse. Der Spieler wird zum gläsernen Athleten, der sich präzise
vermessen und analysieren lässt.
Fakten statt Bauchgefühl
Wo es früher bei der Videoanalyse in erster Linie auf die Erfahrung des Trainers ankam, stehen heute knallharte
statistische Daten zur Verfügung, die nur noch wenig Raum für Spekulation und
Interpretation lassen: „Mir wollen weg von Intuition und Bauchgefühl, hin zu
einer faktenbasierten Unterstützung“, so Bernd Leukert, bei SAP zuständig für Produkte und Innovationen im Rahmen einer Informationsveranstaltung
des DFB zu Big Data im Sport auf der Cebit 2014. Unbestritten scheint, dass die neu zur
Verfügung stehenden Daten die Sicht auf das Spiel verändern. Dieser neue
Einblick in die Automatismen eines Sports lässt mancherorts auch die
Befürchtung aufkommen, der Sport würde berechenbar und könnte seine „Seele“
verlieren. Oder ist, um es mit Mehmet Scholl zu sagen, die Zeit des
„Laptop-Trainers“ jetzt endgültig - zu unser aller Nachteil - gekommen?
Ersetzt der Data Scientist in Zukunft den Trainer?
Die TSG Hoffenheim, die durch ihre
Partnerschaft mit SAP eine Vorreiterrolle auf dem Gebiet des Echtzeit-Trackings im deutschen Fußballsport einnimmt, beschäftigt dafür eigens ein
Team aus Datenanalysten, deren Aufgabe es ist, aus den erfassten Daten die
nötigen Erkenntnisse zu gewinnen. Einer von ihnen ist Bernhard Peters, Direktor
für Sport und Nachwuchsförderung bei der TSG: „Es geht in meinem
Arbeitsbereich um die langfristige Optimierung des Trainingsprozesses vom
Kinderzentrum der TSG Hoffenheim bis zu den Profis. Je besser die Datenbasis, desto
besser planbar ist ein Trainingsprozess, desto planbarer ist der Entwicklungsprozess
eines Spielers“, kommentiert er die Rolle der datengestützten Trainingsanalyse.
Aufgabe sei es, die über Sensoren am Spielerkörper und im Ball gewonnen Daten
intelligent zu filtern und so aufzubereiten, das sie schnell für den Trainer
pragmatisch umsetzbar seien. Auf diese Weise soll der Trainingsprozess
insgesamt effizienter werden.
Mehrwertdienste für den Zuschauer
Die per Kamera- oder Funktechnik
erfassten Daten können aber auch noch für andere Zwecke verwendet werden. So
lassen sich die mit dem Ortungssystem RedFir des Fraunhofer
Instituts für Integrierte Schaltungen (IIS) gewonnenen Daten auch für Fernsehübertragungen
nutzen, z. B. indem das Fernsehbild direkt mit Statistiken
überblendet wird, beispielsweise mit Informationen zur Geschwindigkeit des Balls, zur Laufgeschwindigkeit eines Spielers oder zu seinem Abstand zu
anderen (Mit-)spielern. Die derzeit im Fernsehen anzutreffenden Sport-Analysen machen nur rudimentär vom Potenzial aktueller Tracking-Technologien Gebrauch. Um
die Zuschauer an die neue Perspektive zu gewöhnen, wäre es denkbar, dass die
neue Informationsebene in Zukunft wahlweise vom Zuschauer selbst zugeschaltet
werden kann, etwa von Abonnenten von Bezahlfernseh-Programmen wie Sky Sport.
Technologie und Markt
Ausgereiftes Know-how aus dem
Bereich des Echtzeit-Tracking im Sport kommt aber in diesen Tagen in erster
Linie noch aus Großbritannien. Prozone ist eines der führenden Unternehmen im Bereich
der Entwicklung von Hardware- und vor allem Software-Systemen für die
Leistungsanalyse und wurde bereits 1995 gegründet. Inzwischen hat der ehemalige britische Konkurrent
STATsports das Unternehmen in das eigene Portfolio integriert. STATsports stattet u. a. führende Clubs der
englischen Premiere League wie Manchester United und den FC Liverpool mit
Tracking-Lösungen aus. Weitere Konkurrenten aus Übersee sind die beiden
australischen Unternehmen GPsports und Catapult. Stefan Wagner, Leiter der
Abteilung SAP Sports and Entertainment, schätzt
das Marktvolumen für Sport-Tracking-Systeme in Deutschland noch relativ gering
ein. SAP profitiere von seinem Engagement im Sportbereich in erster Linie durch
Marketing-Effekte, so z. B. nach dem Gewinn der Fußballweltmeisterschaft 2014
in Brasilien. Angesichts des überwältigenden Erfolgs der Deutschen Nationalelf,
der auch dem Einsatz der SAP-Technologie Match Insights zugerechnet wird,
rechnet Wagner für die Zukunft dennoch mit einem jährlichen Umsatzplus von ca. 30 %
in der Sportindustrie.
Basketball, Baseball, Rugby, Eishockey
Doch es muss nicht immer Fußball
sein. So sind z. B. in der amerikanischen NBA alle Stadien mit der kamerabasierten
Tracking-Lösung SportVU ausgestattet. Das erstmals in der
Saison 2010-11 eingesetzte System hat sich zum de-facto Standard der
amerikanischen Profiliga entwickelt. Und auch in der amerikanischen
Baseball-Liga MLB geht es bereits seit längerem technologielastig zu: in allen
30 Stadien ist das Tracking-System PITCHf/x (Sportvision) installiert, das
die Flugbahn des Baseballs beim Pitch mithilfe von drei im Stadionrund
platzierten Kameras zentimetergenau erfasst. Die virtuelle Überblendung für den
Fernsehzuschauer lässt sich zudem als zusätzliche Werbefläche vermarkten. Die
konsequente Weiterentwicklung von PITCHf/x, das bereits seit 2006 erfolgreich
eingesetzt wird, ist das in diesem Jahr erprobte FIELDf/x. Damit lassen sich
die Positionen aller Outfielder und aller geschlagenen Bälle in Echtzeit
erfassen. Die Daten können als Grundlage zur Bewertung der Defensivleistung
eines Teams herangezogen werden. Durch das Hinzuziehen weiterer Statistikdaten
aus einer Datenbank, die z. B. das aktuelle Fitness-Level des Spielers
berücksichtigen, lässt sich z. B. im laufenden Spiel in Echtzeit ermitteln, für
welchen Spieler in Ballnähe die Wahrscheinlichkeit am größten ist, dass dieser
den Ball fängt. Ganz besondere Anforderungen werden
auch an die Tracking-Lösungen von Vollkontakt-Sportarten wie Rugby und
Eishockey gestellt. Gerade im Eishockey hinkt die Entwicklung aufgrund der Schnelligkeit
und der starken physischen Komponente des Spiels hinterher. Die im Basketball
eingesetzten Kameras sind für das Eishockey nicht geeignet, und auch die
Sensoren müssen ganz besonderen Belastungen standhalten. Aktuell wird in der
NHL ein Tracking-System auf der Basis von Infrarot-Kameras und RFID-Sensoren (Sportvision)
erprobt. Die Sensoren werden unter dem Trikot getragen und sind in den Puck integriert
und lassen sich im Prinzip an jeder beliebigen Position des Körpers oder auch
am Schläger anbringen, um so die unterschiedlichsten Arten von Informationen
ans Tageslicht zu befördern.
Mit Big Data zum Erfolg?
Neue Daten fördern neue
Erkenntnisse zu Tage. Echtzeit-Tracking-Systeme sind dabei vor allem eins: unglaublich
präzise. Vieles, was früher vom Trainer mehr oder weniger intuitiv bewertet
wurde, lässt sich heute genau messen. Dadurch eröffnen sich neue Ansatzpunkte
der gezielten Optimierung. Andererseits wird die reine Datengläubigkeit keinen
Abstiegskandidaten innerhalb von einer Saison zum Meisterschaftsanwärter
katapultieren, denn Sport bleibt - bei aller Berechenbarkeit - ein Gesamtkunstwerk, das immer Fingerspitzengefühl und Intuition erfordern wird. Nichtsdestotrotz ist die Datenanalyse ein mächtiges
Werkzeug, das im Kampf um die Spitze, wo die Räume der Leistungsoptimierung
immer enger werden, ein entscheidender Wettbewerbsvorteil sein kann, gerade
auch im Hinblick auf die Auswertung von langfristigen Entwicklungen.
Festzuhalten bleibt: Am besten hat es am Ende mal wieder der Zuschauer, für ihn
sieht das Ganze nämlich einfach nur verdammt cool aus.