Mittwoch, 7. November 2018

Das Auto als mobile Packstation

Nie zuhause, wenn der Paketbote klingelt? Für dieses Problem hat jetzt auch die Automobilbranche eine Lösung - denn sie ist gezwungen, sich digital neu zu erfinden.

Es gibt ein Leben nach dem Dieselskandal - auch wenn es sich für viele deutsche Autokunden derzeit vielleicht nicht so anfühlen mag. Und die Zukunft, sie ist in diesen Tagen digital, das haben auch die deutschen Autokonzerne erkannt und experimentieren zunehmend mit neuen Mobilitätskonzepten.

Die neue Mobilität definiert sich dabei immer mehr über das Smartphone. Wer sich ein teures Taxi sparen will (und ein paar Minuten mehr Zeit hat), der kann sich inzwischen mit der Moia-App von VW mal eben in die nächste Fahrgemeinschaft einklinken, im Fachjargon „Car Pooling“ genannt. Auch die lange Suche nach verwinkelten ÖPNV-Verbindungen von A nach B ist längst Geschichte. Apps zur multimodalen, also Verkehrsmittel-übergreifenden, Wegfindung berechnen im Nu die schnellste Verbindung, Ticket-Kauf in der App inklusive. Beispiel: moovel von Daimler. Und auch Meta-Apps für die neuen Carsharing-Angebote sind bereits verfügbar: Free2Move lässt in Sekundenschnelle alle verfügbaren Carsharing-Anbieter auf dem Smartphone-Bildschirm aufpoppen.

Neues Mobilitätsbewusstsein
Der Kulturwandel scheint „vorprogrammiert“. Zu diesem Schluss kommt eine aktuelle Studie der Unternehmensberatung Bain & Company („Neue urbane Mobilität: Der Wandel erfolgt jetzt“), die vor allem in den Städten ein zunehmendes Umdenken in Sachen Mobilität konstatiert. So seien heute bereits 17 bis 34 Prozent der urbanen Autobesitzer (je nach Mobilitätsszenario) bereit, ihr Fahrzeug aufzugeben. Für nur noch 29 Prozent der Befragten sei der eigene PKW ein Statussymbol.

Dem neuen Selbstverständnis der Konsumenten müsse sich auch die Automobilbranche anpassen, und zwar zwingend, konstatieren die Autoren:

„Zu den Gewinnern werden diejenigen Autobauer zählen, die sich optimal entlang der neuen Mobilitätswertkette aufstellen. Die Unternehmen müssen sich entscheiden, in welchen Bereichen sie selbst aktiv werden, welche Partnerschaften sie eingehen und welche Zulieferdienste sie für andere übernehmen. Dies stellt einen fundamentalen Umbruch im Selbstverständnis der Hersteller dar, die im traditionellen Automobilgeschäftsmodell die Wertkette bisher weitgehend dominiert haben.“

Co-Autor Ralf Kalmbach warnt die Industrie davor, die neue digitale Schnittstelle zum Kunden nicht ausreichend zu besetzen:
„[…]Die Autohersteller [laufen] Gefahr, dass sich andere Player zwischen sie und ihre heutigen Kunden drängen. Schnittstelle und Interaktion mit den Kunden drohen verloren zu gehen […]“.

Neue Beziehung zum Kunden
Mit der Mobilitätsplattform VW We versucht VW die Schnittstelle zum Kunden neu zu erfinden. Sie ist Teil der umfassenderen Digitalisierungsstrategie „Transform 2025+“, in die Volkswagen 3,5 Milliarden Euro bis zum Jahr 2025 investieren will. Ziel ist die „Entwicklung vom Autobauer zum Mobilitätsanbieter mit vernetzter Fahrzeugflotte“. Jährlich sollen mehr als fünf Millionen neue Fahrzeuge Teil des Internets der Dinge werden.

Dienstleistungen und Services wie E-Carsharing, das Einrichten des Kofferraums als postalische Lieferadresse, bargeldloses Parken mit dem Smartphone, ortsbasierte Service- und Dienstleistungsangebote, z. B. durch das Versenden von Rabatt-Coupons auf das Smartphone, und Internetzugang im Fahrzeug (mit intelligenter Fahrzeugsteuerung per App, z. B. Heizungssteuerung oder der Übermittlung der Routenplanung vom Handy), versammeln sich unter dem Produktnamen Volkswagen We.

„Bis 2025 rechnet Volkswagen mit weltweit 80 Millionen aktiven Nutzern. […] Den eigenen Jahresumsatz mit Diensten und Services rund um das vernetzte Fahrzeug veranschlagt Volkswagen bis 2025 auf rund eine Milliarde Euro“, schreibt der Konzern.

Auch andere Hersteller arbeiten an entsprechenden Plattformen: BMW mit Connected Drive (mit einzel buchbaren Service- und Dienstleistungspaketen, z. B. Echtzeitverkehrsinfos, elektrischem Aufladen des Fahrzeugs per App, intelligente Parkplatzsuche, Concierge-Service usw.) oder Daimler mit Mercedes Me connect.

Für die aktuell größten Herausforderungen in der Automobilindustrie hat Daimler das Kürzel CASE („Connectivity“, „Autonomy“, „Sharing“ und „Electricity“) geprägt. Dazu gehört für die Autobauer auch die Zusammenstellung eines völlig neuen Ökosystems aus klassischen Herstellern, Zulieferern, großen IT-Konzernen, anderen (Service-)Dienstleistern und dem Kunden. Die technische Basis dafür ist die Cloud.

Und die Zeit eilt, denn auch die neuen Konkurrenten Apple und Google haben sich bereits tief ins deutsche Auto vorgearbeitet und bieten mit CarPlay und Android Auto Betriebssysteme an, mit dem sich die Apps auf dem Smartphone auch im Auto nutzen lassen. Auch hier bemühen sich die deutschen Automobilhersteller um mehr Unabhängigkeit. VW arbeitet mit vw.OS an einem eigenen Betriebssystem, auch zur Vereinfachung der IT-Architektur im Auto, eine Voraussetzung zur kontinuierlichen Einspielung von Updates und Upgrades (over the air). Daimler hat mit MBUX auf der CES 2018 ein neues interaktives Infotainment-System vorgestellt, das auf Spracheingabe, Augmented Reality, eine intelligente Personalisierung und eine Smartphone-ähnliche Bedienbarkeit setzt.

Gerade auch die Daten über das Fahrzeug selbst versprechen ein einträgliches Geschäft, z. B. für das rechtzeitige Erkennen von Schäden am Fahrzeug. Das Auto wird so immer mehr zum rollenden Hot-Spot, das umfassend und flexibel mit seiner Umwelt vernetzt ist und damit das Zentrum völlig neuer Wertschöpfungsmodelle bildet.

Will das der Kunde überhaupt?
Laut einer aktuelle Studie des Marktforschungs- und Marketingberatungs-Instituts Kantar TNS („Connected Car 2018“) unter 8500 Verbrauchern in Europa, Nordamerika und China ist das Interesse der Kunden bisher noch relativ mau: 47 % der weltweit befragten Connected-Car-User wissen überhaupt nicht, dass ihr Auto über Connectivity-Funktionen verfügt. 32 Prozent der deutschen Besitzer eines Connected Car nutzen die Features nicht aktiv. Fast zwei Drittel der deutschen Connected Car-Fahrer sind sich nicht sicher, ob sie künftig diese Dienste wieder kaufen werden, oder sie planen es gar nicht. 52 Prozent der Befragten sind nicht bereit, für die Infotainment- und Navigationsdienste im Connected Car etwas zu bezahlen.

Die Autoren der Studie sehen die Ursache dafür auch in falschem Marketing. Sie raten den Herstellern u. a. dazu, den Vorteil von „Connectivity“-Feautures in der Verkaufsargumentation mit dem Aspekt der „Sicherheit“ zu verknüpfen, der für Autokäufer immer noch eine zentrale Rolle spielt.

Insgesamt sind die Umsatzprognosen für Connected-Car-Technologien gut. Laut Statista soll der Umsatz mit Connected-Car-Technologien im Jahr 2022 weltweit bei rund 156 Milliarden US-Dollar liegen (2017: 52,5 Milliarden).

Es riecht nach einem Henne-Ei-Problem. Der Kunde hat wohl noch keine wirkliche Ahnung davon, was das Auto der Zukunft so alles sein könnte. Und am Horizont lauert ja schon das Versprechen des autonomen Fahrens.

Montag, 6. November 2017

Hände weg vom Steuer! Warum uns der Umstieg auf das autonome Fahren so schwer fällt

Industriepolitisch scheint das autonome Fahren bereits beschlossene Sache. Doch bei vielen Verbrauchern ruft die Idee nach wie vor Skepsis hervor. Zeit für eine kleine psychologische Spurensuche.

Das Versprechen der Industrie ist riesig: praktisch keine Verkehrsunfälle mehr, weniger Staus und ein nie da gewesener Komfort bei langen Reisen mit dem Auto. Wer kann da schon nein sagen? Die Antwort: Der Verbraucher.

Laut einer aktuellen Studie der Bertelsmann Stiftung misstrauen zwei von drei Deutschen selbstfahrenden Autos. 61 Prozent der Befragten können sich nicht vorstellen, ein selbstfahrendes Auto zu nutzen. Als Gründe für das Misstrauen nennen 84 % „Angst vor Unfällen, fehlerhafter Technik“, 83 % „Verlust der Kontrolle über das eigene Auto“ und 74 % „Fremdkontrolle des Fahrzeugs durch Hackerangriffe“. 62 % beklagen „fehlenden Spaß am Fahren“.

Ausschlaggebend für das fehlende Vertrauen ist laut einer Studie aus dem Jahr 2016 („Autonomes Fahren in Deutschland - wie Kunden überzeugt werden“) der Unternehmensberatung Deloitte auch, dass derzeit noch die unmittelbare Nähe zur Technologie fehlt: 68 % der Befragten gaben damals an, eher autonome Fahrzeuge nutzen zu wollen, „wenn mir die autonomen Funktionen unter realen Bedingungen vorgeführt werden (z. B. im Rahmen einer Probefahrt)“.

Zweifel an der Maschinenethik
Im Zentrum der aktuellen Debatte um das autonome Fahren stehen seit langem die sog. Dilemma-Situationen, wie sie durch das viel zitierte Trolley-Problem exemplifiziert werden. Lässt sich im Notfall der „Wert“ von Menschen gegeneinander „aufrechnen“? Und auf welcher Datengrundlage soll sich eine Maschine wann wie entscheiden? In ihrem jüngsten Bericht (Juni 2017) bietet die Ethik-Kommission des Bundesministeriums für Verkehr und digitale Infrastruktur eine praktische Lösung dieses doch eher theoretischen Problems an - wenn auch mit Vorbehalt: eine Technik müsse so ausgelegt werden, „dass kritische Situationen gar nicht erst entstehen“. Wenn aber, dann seien diese „nicht eindeutig normierbar und auch nicht ethisch zweifelsfrei programmierbar. Technische Systeme müssen auf Unfallvermeidung ausgelegt werden, sind aber auf eine komplexe oder intuitive Unfallfolgenabschätzung nicht so normierbar, dass sie die Entscheidung eines sittlich, urteilsfähigen, verantwortlichen Fahrzeugführers ersetzen oder vorwegnehmen könnten.“ Das Unbehagen bleibt also.

Schwierige Einführung
In der Praxis verläuft die sukzessive Übertragung der Verantwortung vom Menschen auf die Maschine derweil holprig. Mit dem Tesla S ist das erste Fahrzeug mit „hochautomatisierter“ Fahrweise auf dem Markt, d. h. der Fahrer muss das System im spezifischen Anwendungsfall (in der Regel beim Fahren auf der Autobahn) zwar nicht dauerhaft überwachen, aber in der Lage sein, nach einer kurzen Übergangsfrist das Fahrzeug zu übernehmen, wenn das System selbst zu keiner zuverlässigen Entscheidung kommt (und dies auch selbst erkennt). Von einer tiefenentspannten Autofahrt, während der sich ein Buch lesen oder gar ein Nickerchen machen lässt, kann also noch keine Rede sein.

In dieser „Übernahmesituation“ sehen die Verfasser des Positionspapiers „Hochautomatisiertes oder autonomes Fahren als wünschenswerte Zukunftsvision?“ der Deutschen Gesellschaft für Verkehrspsychologie (DGVP) eine beträchtliche Gefahr:

„Das hochautomatisierte und autonome Fahren stellen den klassischen Fall der ‚Überforderung durch Unterforderung’ dar: Der Fahrer wird im Normalbetrieb eliminiert, er soll im kritischen Fall bei Überforderung des Systems aber schnell übernehmen, also Expertenentscheidungen treffen.“ [Anm. d. Verfassers: für das autonome Fahren ist per definitionem eigentlich kein Eingreifen des Fahrers mehr erforderlich]

Soll heißen: Der Fahrer muss im Notfall in Sekundenbruchteilen seine volle Aufmerksamkeit wiedererlangen und blitzschnell über eine potenziell gefährliche Situation im Straßenverkehr entscheiden können, während er vielleicht vorher stundenlang vor sich hingedöst hat.

Auch die „informellen Normen“ der Interaktion zwischen den Verkehrsteilnehmern würden von den autonomen Fahrzeugen nicht abgebildet, z. B. ein freiwilliges Verzichten auf die Vorfahrt, das ggf. über den reinen Blickkontakt oder durch Winken zwischen zwei Fahrern vereinbart wird. Man kann sich die Komik solcher Situationen im Alltag sehr gut vorstellen: Der missmutig in seinem Handschuhfach kramende LKW-Fahrer signalisiert mit einer Handbewegung „Fahr doch!“, doch das eigene autonome Auto will sich partout nicht von der Stelle bewegen, weil das System z. B. aufgrund des zu geringen Fahrzeugabstands die Situation falsch einschätzt.

Bernhard Schlag, Professor für Verkehrspsychologie an der TU Dresden, betont in seinem Fachartikel „Automatisiertes Fahren im Straßenverkehr - Offene Fragen aus Sicht der Psychologie“ die intuitiven Fähigkeiten des menschlichen Fahrers im Rahmen der Entscheidungsfindung, insbesondere seine „heuristischen“ Fähigkeiten zur Prognose, „Perspektivenübernahme“ und „Gefahrenantizipation“. Einer Maschine traut er diese Qualitäten zum jetzigen Zeitpunkt nicht zu.

Ich geb Gas, ich will …?
Sowohl in der Bertelsmannstudie als auch im Positionspapier der DGVP werden zudem kulturelle Bedenken gegen das autonome Fahren ins Feld geführt. Der Fahrspaß ginge verloren, heißt es. Verkommt die von einem großen deutschen Autohersteller seit Jahren medial inszenierte „Freude am Fahren“ mit dem autonomen Fahrzeug jetzt tatsächlich zur individualisierten Variante eines Ausflugs mit dem öffentlichen Nahverkehr? Die Deutsche Bahn hat sich in einem Werbespot schon einmal vorsorglich über diesen drohenden Umstand mokiert. Die eigentlich zu stellende Frage dahinter lautet jedoch: was erwarten die Menschen heute von einem Auto?

Laut einer repräsentativen Umfrage der Unternehmensberatung Ernst and Young unter 1000 Verbrauchern (September 2017) bedeutet für 85 % der Verbraucher in Deutschland Autofahren „vor allem flexibel von Ort zu Ort zu kommen.“ Vor vier Jahren habe der Anteil der Pragmatiker noch bei 70 % gelegen. Die Nützlichkeitserwägungen sind also auf dem Vormarsch. Uneingeschränkte Mobilität genieße aber nach wie vor höchste Priorität und auch das eigene Auto sei den Verbrauchern sehr wichtig.

Laut der Ethik-Kommission des Bundesministeriums für Verkehr und digitale Infrastruktur geht es beim Thema Fahrspaß mit dem autonomen Auto vor allem um die Abwägung zwischen „Privatautonomie“ und einer mehr oder weniger zentral gesteuerten (Voll-)Automatisierung des Straßenverkehrs.

„Ausdruck der Autonomie des Menschen ist es, auch objektiv unvernünftige Entscheidungen wie eine aggressivere Fahrhaltung oder ein Überschreiten der Richtgeschwindigkeit zu treffen. Dabei würde es dem Leitbild des mündigen Bürgers widersprechen, würde der Staat weite Teile des Lebens zum vermeintlichen Wohle des Bürgers unentrinnbar durchnormieren und abweichendes Verhalten sozialtechnisch bereits im Ansatz unterbinden wollen.“

Auch einer staatlich auferlegten Pflicht zum vollautomatisierten Fahren im Sinne der Verkehrssicherheit erteilt die Ethik-Kommission eine Absage, sie fürchtet einen „Paternalisierungsschub“ durch eine umfassende automatisiert-vernetzte Verkehrslenkung: „Eine verpflichtende Einführung solcher Systeme würde den Menschen im Rahmen seiner Entfaltungsmöglichkeiten (auch unter dem Aspekt Fahrgenuss) stark einschränken. Eine verpflichtende Einführung autonomer Systeme kann nicht alleine durch die allgemeine Erhöhung der Sicherheit von vollautomatisierten Systemen gerechtfertigt werden.“

Wird sich das autonome Fahren also durchsetzen? Alles eine Frage der Vernunft.

Montag, 18. September 2017

Digitale Souveränität - wie soll das funktionieren?

Heiko Mass erhöht den Druck auf die digitalen Großkonzerne. Nach dem Netzwerkdurchsetzungsgesetz will der Justizminister jetzt an die Algorithmen ran. Auftakt zu einer neuen Ära der digitalen Souveränität für den Verbraucher?

Wenn es nach Heiko Maas geht, ist das Netzwerkdurchsetzungsgesetz erst der Anfang. Im Mittelpunkt des Gesetzes stehen „Hasskriminalität“ und Falschmeldungen, die sog. Fake-News. Erklärtes Ziel ist die sofortige Löschung „offensichtlich rechtswidriger Inhalte“, die einen konkreten Straftatbestand des Strafgesetzbuchs erfüllen, z. B. Volksverhetzung, Beleidigung, Verleumdung oder Störung des öffentlichen Friedens. Facebook hat in Deutschland für diesen Zweck inzwischen zwei Löschteams eingerichtet. Ein dezidierter Ansprechpartner („Zustellungsbevollmächtiger“) soll die Kooperation mit den Strafverfolgungsbehörden sicherstellen.

Das Netzwerkdurchsetzungsgesetz ist auch - oder vor allem - ein politisches Signal: Die Schonfrist für die großen Internetkonzerne ist vorbei. Nachdem die freiwilligen Selbstverpflichtungen der Konzerne nicht gefruchtet haben, ist der deutsche Staat jetzt zu drastischen regulatorischen Eingriffen in die Geschäftsmodelle bereit.

In vielen Punkten hat das sog. NetzDG harsche Kritik auf sich gezogen, wurde als Zensurinstrument bewertet, mit dem die Rechtsdurchsetzung privatisiert und die Meinungsfreiheit letztlich eingeschränkt werde statt sie zu schützen. Ungeachtet dessen hat der Bundestag das Gesetz in seiner 3. Fassung am 05.04.2017 beschlossen.

Und Heiko Maas hat bereits weitere Schritte angekündigt: mit einer neuen „Digitalagentur“ sollen die Internetkonzerne verpflichtet werden, ihre Algorithmen offenzulegen. Auf diese Weise soll das Datenschutz-Grundrecht der informationellen Selbstbestimmung gestärkt werden. „Ein Transparenzgebot für Algorithmen wäre hilfreich, damit Nutzerinnen und Nutzer verlässlich einschätzen können, ob das Netz versucht, sie zu beeinflussen, und damit sie selbstbestimmt entscheiden können, welche Filter und Personalisierungen sie in der digitalen Welt akzeptieren wollen und welche nicht“, so Heiko Maas in einer Rede am 3. Juli 2017 im Rahmen der Konferenz „Digitales Leben – Vernetzt. Vermessen. Verkauft? – #Werte #Algorithmen #IoT“.

Datenverwertungsmaschinen
„Move fast and break things“, das Mantra das Facebook-Gründers Mark Zuckerberg tangiert insbesondere auch den Datenschutz im digitalen Zeitalter. Die Geschäftsmodelle der Internetkonzerne stehen zu wichtigen Grundsätzen „alter“ Datenschutzgrundsätze wie „Datensparsamkeit“ und einer „zweckgebundenen“ Datenerhebung und -auswertung im direkten Widerspruch. Wir haben uns längst daran gewöhnt, im großen Stil personenbezogene Daten gegen digitale Dienstleistungen einzutauschen. Doch was mit unseren Daten danach geschieht, das wissen wir nicht. Zwar geben die Datenschutzbestimmungen der Konzerne prinzipiell Auskunft darüber, welche Daten wann und zu welchem Zweck erhoben werden, doch welche „Erkenntnisse“ daraus wirklich abgeleitet werden (können), das bleibt dem Benutzer verborgen. Die Folgen dieser stillschweigenden Weiterverarbeitung muten uns bisweilen unheimlich an, beispielsweise wenn uns Google eine App zur Hochzeitsplanung vorschlägt, bevor wir wenige Tage später selbst von dem Ereignis aus unserem nächsten Bekanntenkreis erfahren. Aber vielleicht ist das ja auch alles nur purer Zufall.

Vom (bescheidenen) Recht auf Auskunft
Wer die über ihn gespeicherten Informationen einsehen will, der kann sich bei Google und Facebook eine Kopie der über die eigene Person gespeicherten Daten herunterladen. Dabei handelt es sich zum Großteil um jene Daten, die im Rahmen einzelner Dienste erhoben wurden, und die als Archiv zur Verfügung stehen oder in einer Gesamtübersicht (Dashboard) eingesehen und (punktuell) bearbeitet werden können.

Doch wie eklatant die Lücke zwischen der freiwilligen Informationsbereitstellung durch die Konzerne und den juristischen Vorgaben nach dem Bundesdatenschutzgesetz (BDSG) mitunter ausfällt, zeigt ein Blick in den Hilfebereich von Facebook. In einer langen Tabelle werden Informationen aufgeführt, die für den Benutzer angeblich bereitstehen, darunter z. B. auch die prekären Gesichtserkennungsdaten oder Details zu den gespeicherten aktiven Sitzungen, einschließlich Datum, Uhrzeit, IP-Adresse, Cookies und Browserinformationen. Im heruntergeladenen Archiv findet sich davon rein gar nichts.

Wer von seinem Auskunftsrecht nach § 34 BDSG Gebraucht macht, bekommt - in der Regel - eine CD mit den entsprechenden Daten zugesendet. Doch auch eine solche CD enthält - das hat die Vergangenheit gezeigt - mitunter nicht alle juristisch relevanten Datensätze. Auch spezifische Anfragen blocken die Unternehmen kategorisch ab, wohl um der Vielzahl drohender Auskunftsersuche zu entgehen: Support-Ansprechpartner oder ein Kontaktformular sucht man vergebens.

Neue Regeln, neue Begriffe
Die Suche nach neuen Lösungen für mehr digitale Souveränität ist auch eine Suche nach neuen Begrifflichkeiten. Viele alte Konzepte der Rechtssprechung und die Begriffe, auf denen sie beruhen, haben im virtuellen Raum ausgedient. So haben Facebook und Twitter mit ihren Plattformen z. B. ganz neue Formen von Öffentlichkeit geschaffen, die die klassische Einteilung der Persönlichkeitssphären in Öffentlichkeitssphäre, Sozialsphäre, Privatsphäre und Intimsphäre untergraben. Diese Unterscheidungen galten aber jahrzehntelang als begriffliche Grundlage für Entscheidungen über die Verletzung von Persönlichkeitsrechten. Politik und Gesetzgeber kommen bei der Regulierung in der Regel nicht hinterher. Auch die Konzerne wissen das und preschen mitunter bewusst mit sehr hohem Tempo voran, wie der Internettheoretiker Evgeny Morozov in einem Artikel für die Süddeutsche Zeitung feststellt: „IT-Unternehmen können schnell neue Regularien umgehen, indem sie ganz einfach neue Techniken entwickeln, auf die sich die passgenaue Rechtslage nicht mehr anwenden lässt.“

Vom Datenschutz zur Datensouveränität, oder: ein Datenrucksack muss her!
Der Rechts- und Politikwissenschaftler Viktor Mayer-Schönberger hat im Rahmen der Debatte um die EU-Datenschutzreform ein „Recht auf Vergessenwerden“ gefordert, eine Art digitaler Radiergummi für Verbraucherdaten. Zwar wurde das geforderte Prinzip nicht Eins zu Eins übernommen, immerhin aber in Form eines erweiterten Rechts auf Löschung indirekt im europäischen Datenschutzrecht kodifiziert (Art. 17 EU-DSGVO). Der neue Passus rückt vor allem den Aspekt der „Zweckbindung“ der Erhebung und Auswertung von Daten in den Vordergrund.

Neu hinzugekommen ist im Rahmen der EU-Datenschutzreform auch das „Recht auf Datenportabilität“ (§ 20 DSGVO). Das Recht erlaubt dem Verbraucher die Mitnahme der eigenen Daten zu anderen Diensten und soll so zu mehr Transparenz und Wahlfreiheit im Umgang mit persönlichen Daten führen. An diese Idee anknüpfend wird im Gutachten des Sachverständigenrats für Verbraucherfragen des Bundesministeriums der Justiz und für Verbraucherschutz auch die Einrichtung eines zentralen Datenportals gefordert, in dem die Daten der verschiedenen Plattformen und Dienste zusammenlaufen sollen und dort vom Verbraucher jederzeit transparent verwaltet werden können. Hier könnte sich der Verbraucher z. B. auch dafür entscheiden, ob er oder sie einen Teil der Daten für wissenschaftliche Zwecke spenden möchte. So erhält der Benutzer auch ein Gefühl für den Wert seiner Daten - schließlich geben wir in der analogen Welt ja auch nicht 20 € für eine halbvergammelte Banane aus. Ein solches Portal könnte zu einem neuen Gleichgewicht zwischen den Interessen von Verbrauchern und Internetkonzernen führen.

Montag, 23. Januar 2017

//KI, Basics

Im KI-Trainingslager

Sie heißen „Project Malmo“ (Microsoft), „DeepMind Lab“ (Google) oder „OpenAI Gym“ (Elon Musk). In frei zugänglichen Entwicklungsumgebungen lernen KIs selbstständig, komplexe Aufgaben zu lösen.

Es ist der nächste logische Schritt in der KI-Forschung - und alle sollen dabei zusehen und vor allem selbst daran mitarbeiten. KIs sollen in Zukunft nicht mehr nur hochspezialisierte Aufgaben wie die Erkennung spezifischer Strukturen und Muster übernehmen, sondern bald auch über ein höheres Maß an allgemeiner Intelligenz verfügen. Der Vorteil dieser Methode: die KI lässt sich breiter einsetzen und auch kleinere Unternehmen, die nicht über derart riesige Datenbestände wie Google oder Facebook für das Trainieren neuronaler Netze verfügen, könnten so auf das Know-how ausgefeilter KI-Systeme zugreifen.

Dem „biologischen Lernen“ eines Kindes in der echten Welt nachempfunden entwickelt beim sog. „unüberwachten Lernen“ ein „Agent“ durch die Verarbeitung der Reize in einer virtuellen Umgebung (Beispiele: 1, 2, 3) ein Wirklichkeitsmodell seines Umfelds. Anhand der Bewertung der Handlungen und der daraus folgenden „Zustände“ des Agenten im Hinblick auf ein vorformuliertes Ziel lernt dieser, welcher seiner Aktionen Sinn ergeben und welche nicht. Als Lernstrategie setzen die Entwickler derzeit meist auf das Prinzip des „bestärkenden Lernens“, ein Anreizsystem, das auf Belohnung und Bestrafung basiert und mit dem eine KI befähigt wird, nach dem Trial & Error-Prinzip selbst herauszufinden, wie es eine Aufgabe möglichst effektiv meistert. Im Rahmen dieses Prozesses wird die mathematische Modellierung des Agenten sukzessive verfeinert, d. h. der Agent wird so über eine bestimmte Zeitspanne hinweg immer „schlauer“ und erreicht sein Ziel damit effizienter.

Mit dieser (generalistischen) KI-Methodik kann eine viel größere Anzahl von (nichtlinearen) Prozessen intelligent automatisiert werden. Dabei kann es sich um die Kontrolle eines Roboters oder auch die Steuerung eines Flugzeugs handeln. Für den Anfang geht es aber noch darum, den schnellsten Weg zur Melone zur finden.

Mittwoch, 14. Dezember 2016

//Geodaten, KI, Big Data

Kühe zählen aus dem All

Im Weltraum winkt ein neues Geschäftsmodell mit hochauflösenden Satellitenaufnahmen, das vor allem auf die intelligente Analyse der Bilder setzt. Auch die ersten deutschen Anbieter stehen bereits in den Startlöchern.

Google drückt auf die Tube. 500 Millionen US-Dollar hat sich das Unternehmen die Übernahme von Skybox Imaging, einem Anbieter von hochauflösenden Satellitenbildern, der jetzt unter dem Namen Terra Bella firmiert, im Jahr 2014 kosten lassen. Bis 2017 will Google insgesamt 24 Satelliten in die erdnahe Umlaufbahn befördert haben. Dabei handelt es sich um Kleinstsatelliten nach der sog. CubeSat-Designspezifikation, ein von der Stanford University und der California Polytechnic State University im Jahr 1999 entwickeltes Konzept, um Studenten und Universitäten einen kostengünstigen Zugang zum All zu verschaffen. CubeSats weisen im Standardformat eine Größe von nur 11,35 x 10 x 10 cm bei einem Gewicht von max. 1,33 kg auf. Aber auch Doppelt- und Dreifachausführungen sind zulässig und gewähren Unternehmen den notwendigen Entwicklungsspielraum. Cube-Satelliten können in der Regel mühelos im Rahmen von Raketenstarts anderer Missionen in den Orbit befördert werden.

Das CubeSat-Konzept, das eigentlich zur Förderung von Forschungsvorhaben erdacht wurde, verleitet immer mehr private Unternehmen dazu, den Sprung ins All zu wagen, so auch die Startups Black Sky (gegründet 2013) und Astro Digital (gegründet 2014). Black Sky will nach aktuellem Stand insgesamt 60 Satelliten ins All schießen, Astro Digital setzt für sein Vermessungskonzept auf ingesamt 30 künstliche Erdtrabanten. Die allgemeine Strategie ist also klar: Durch die Entsendung einer Vielzahl von Kleinsatelliten soll jeder Punkt auf dem Globus innerhalb von Minuten erreichbar sein, um so nahezu in Echtzeit Bilder aus dem All liefern zu können.

Die neuen Player auf dem Markt versprechen außerdem besonders hochauflösende Aufnahmen - von bis zu unter 1 m pro Pixel (der 2013 ins All beförderte Erdbeobachtungssatellit Landsat 8 der NASA liefert im Vergleich dazu lediglich eine Auflösung von bis zu 15 m pro Pixel).  Google will mit Terra Bella sogar hochauflösende Videos mit einer Länge von bis zu 90s anbieten. Verarbeitet  und ausgewertet werden die riesigen Datenmengen in den hauseigenen Rechenzentren. Als mögliche Anwendungsszenarien skizzierte Google die Überwachung von Lieferketten aus dem Weltall, Unterstützung bei der Koordination von Katastropheneinsätzen und die Infrastrukturüberwachung, z. B. beim Ausbau von Minen.

Für Bronwyn Agrios, Produktmanagerin von Astro Digital, liegt der Schlüssel für das neue Geschäft aber nicht mehr in den Satellitenbildern selbst, sondern in der Software: „In Zukunft wird niemand mehr einfach nur Satellitenbilder kaufen, sondern Satellitendaten in Form eines Abonnement-Diensts“, sagte sie gegenüber Spacenews. Bildanalysen und Datenströme sollen dabei auf die spezifischen Bedürfnisse von Kunden in den unterschiedlichsten Branchen angepasst werden. KI-Anwendungen spielen in diesem Zusammenhang eine zentrale Rolle.

Auch das derzeit führende Unternehmen der Branche DigitalGlobe, das u. a. Facebook, Uber, Mapbox, den Geodaten-Softwarespezialisten ESRI und auch Google zu seinen Kunden zählt, setzt auf den KI-Trend. Im Rahmen einer Kooperation mit dem (der CIA nahestehenden) VC-Unternehmen CosmiQ Works, dem Grafikkartenhersteller Nvidia und Amazon wurde die Bilderdatenbank SpaceNet ins Leben gerufen, mit der KI-Systeme besonders effizient trainiert werden sollen, z. B. für die automatische Erkennung von Gebäuden und Autos.

Und auch die ersten selbst gestrickten Services warten bereits auf die (potenzielle) Kundschaft. Die 2014 gegründeten Descartes Labs brüsten sich bereits damit, Ernteerträge besser voraussagen können als das Landwirtschaftsministerium der USA. In Deutschland hat die Firma Terraloupe derzeit vor allem Kunden aus dem Bereich des autonomen Fahrens und der Versicherungsbranche im Visier. Anhand von Satellitenbildern, die in 3D-Modelle umgewandelt werden, kann das Unternehmen mittels ausgeklügelter Deep Learning-Techniken gezielt Objekte und Strukturen identifizieren und klassifizieren. So sollen Versicherer z. B. mögliche Versicherungsschäden bei einem Unwetter genau berechnen können. Die Analysemethoden sollen so detailliert sein, dass sich damit sogar die genaue Größe einzelner Fenster aus dem All bestimmen lässt. Für autonome Fahrzeuge könnten stets aktuelle Straßen- und Verkehrsinformationen ein entscheidender Wettbewerbsvorteil sein.

Freitag, 2. Dezember 2016

//Fake-News

Was Facebook jetzt gegen Hass und Populismus im Netz (vielleicht) tun muss


Unabhängig davon, wie relevant Fake-News für den Ausgang der US-Wahl tatsächlich waren, sind sie ein Problem und werfen grundsätzliche Fragen im Umgang mit den sozialen Plattformen auf. Muss Facebook handeln?

Die Wahlen in den USA wurden in den sozialen Netzwerken entschieden, so wird es in diesen Tagen in den Medien häufig kolportiert. Zwar gibt es Belege dafür, dass gerade in den letzten Wochen vor der Wahlentscheidung besonders viele Benutzer auf den sozialen Plattformen mit Fake-News in Berührung gekommen sind und vor allem politische Kräfte des rechten Rands gezielt auf die automatisierte Beeinflussung der Meinungsbildung über die sozialen Netzwerke, z. B. auch in Form von Bots, gesetzt haben, doch ob diese Form der „Interaktion“ mit den Fake-News tatsächlich für die Wahlentscheidung ausschlaggebend war, steht keinesfalls fest. Trotzdem sind Fake-News ein Problem, auch weil die sozialen Medien als Plattformen für die politische Meinungsbildung zunehmend relevanter werden. Laut einer aktuellen Studie des Pew Research Center nutzen 66 % der Menschen in den USA Facebook als Nachrichtenquelle. Dieser Trend, weg von den (gedruckten) Zeitungen hin zu den sozialen Plattformen, ist auch in Deutschland festzustellen.

Facebooks Strategie, sich ein weiteres Stück der publizistischen Medienaufmerksamkeit zu sichern, trägt den Namen „Instant Articles“ und möchte die eigenen Nutzer noch stärker an die eigene Plattform binden. Die Instant Articles fördern aber auch einen Kulturbruch in der medialen Wahrnehmung, denn mit einem Mal stehen sorgfältig recherchierte Beiträge namhafter Zeitungen gleichberechtigt neben Clickbait-Meldungen und Fake-News. Fake-News sind deshalb so gefährlich, weil sie durch die Nachahmung der Form lediglich Wahrheiten simulieren, die sich in den Echokammern von Facebook zu den krudesten Ansichten und Verschwörungstheorien verfestigen können. Das, was journalistische Qualität ausmacht, also inhaltliche Relevanz und vor allem das mühsame Prüfen von Quellen und Fakten, ist für unkritische (Schnell-)Leser jetzt schon kaum wahrzunehmen und wird schlichtweg als gegeben vorausgesetzt. Mit „Instant Articles“ werden diese versteckten Qualitätsunterschiede, die aber für den Realitätsabgleich der Menschen einer Gesellschaft untereinander so entscheidend sind,  in der Wahrnehmung des unkritischen Lesers weiter nivelliert. In finanzieller Hinsicht sind die Instant Articles für die Medienunternehmen verlockend, jedoch gibt es nach wie vor Vorbehalte, das gesamte Aufmerksamkeitsmoment für das eigene publizistische Angebot an eine fremde Plattform abzutreten.

Wie geht es jetzt also weiter? Ist die viel zitierte „Filterblase“, in der wir dann in Zukunft alle vor uns hinlesen werden, wirklich der Untergang der Demokratie? Oder befinden wir uns inmitten eines notwendigen Kulturwandels, einer natürlichen Verschiebung des öffentlichen Diskursraums in die virtuelle Sphäre? Oder liefern wir damit den Raum zur demokratischen Meinungsbildung an  hochkapitalistische Unternehmen aus, denen es ausschließlich um Gewinnoptimierung geht? Am Ende entscheidet letzlich der Nutzer, was er gerne haben möchte, und aus dieser Logik heraus führt vielleicht kein Weg daran vorbei, dass die Medienunternehmen ihr gesamtes publizistisches Angebot letztlich auf Facebook bereitstellen werden und müssen. Auch der Einwand, es habe ja in der analogen Welt schon immer so etwas wie Filterblasen gegeben, nur eben in einer anderen Form, scheint berechtigt. Unser soziales Umfeld setzt sich in der Regel aus Menschen zusammen, deren grundlegendes Werteverständnis wir teilen. Auch die Zeitung, die wir regelmäßig lesen, vertritt eine bestimmte politische Ausrichtung. Dennoch bleibt festzuhalten, dass mit dem Aufkommen der sozialen Plattformen ganz neue Räume der mehr oder weniger hermetischen Abriegelung entstanden sind,  die sich für eine gezielte, billige und effektive Manipulation von Gruppen besonders gut eignen. Angesichts der weltweit erstarkenden populistischen Kräfte und der allgemeinen Fragmentierung der Diskursräume im Zuge der Digitalisierung ist das ein Problem. Ganz konkret heißt das z. B. im Hinblick auf die bevorstehenden Bundestagswahlen: Die AfD wird sich aller Wahrscheinlichkeit nach die Wahlkampfstrategie von Donald Trump zum Vorbild nehmen und über das rhetorische Vehikel der pauschalen Verunglimpfung der gesamten Presselandschaft („Lügenpresse“) ganz gezielt darauf setzen, in den sozialen Medien ihre ganz eigene Wirklichkeit in den Köpfen der (potenziellen) Wähler zu platzieren. Muss Facebook etwas dagegen tun?

Was Facebook angekündigt hat
Facebook und Google haben bereits erste wirksame Schritte zur Eindämmung von Fake-News unternommen, indem sie den Autoren gefälschter Nachrichten ab sofort den Zugang zum eigenen Werbenetzwerk verwehren und ihnen damit das Geschäftsmodell entziehen. Mark Zuckerberg hat auf öffentlichen Druck weitere Maßnahmen angekündigt. Auf seiner Facebook-Seite schreibt Zuckerberg, dass er die technischen Möglichkeiten zur Identifikation und Meldung von Fake-News verbessern möchte. Zuckerberg denkt auch über die Zusammenarbeit mit Medienhäusern nach, z. B. für das Fact-Checking von Nachrichten, die dann entsprechend gelabelt werden sollen. Feste Zusagen sind das jedoch nicht.

Was Intellektuelle fordern
Derweil werden von führenden Köpfen der Tech-Branche weitere Ideen angedacht. Der amerikanische Journalismusprofessor Jeff Jarvis, der sich offensiv für einen Medienwandel im Zeichen der großen Internetkonzerne wie Google und Facebook einsetzt, hat auf seiner Internetseite eine Reihe von Vorschlägen unterbreitet, was Facebook jetzt tun sollte. Dort finden sich viele der Ideen, die Mark Zuckerberg auch in seinem Post zu dem Thema veröffentlich hat. Darüber hinaus fordert Jarvis u. a., dass Quellen, Brands und Personen eindeutig verifiziert werden müssten („Expand systems of verified sources“), um Verwechslungen mit Nachahmern zu vermeiden. Auch sollten die Markenunternehmen selbst nach neuen Wegen suchen, die eigene Marke prominenter in den sozialen Medien auszustellen, um auf sozialen Plattformen besser unterscheidbar zu sein ("Make the brands  [...] more visible to users").  Zudem fordert er eine (algorithmische) Prüfung der Quellen von Nachrichtenposts, damit der Nutzer z. B. faktenarme aber seriös anmutende Schaubilder klar von aufwendig erhobenen Statistiken unterscheiden kann („Track back to original sources of news items und memes“). Das Problem der Filterblase will Jarvis u. a. dadurch lösen, dass Facebook z. B. Vorschläge für Artikel unterbreitet, die nicht dem klassischen Interessensschema des Nutzers entsprechen. Facebook soll sich auch Drittentwicklern öffnen, die z. B. über intelligente Browser-Erweiterungen zur Einstufung von Posts entwickeln könnten, so wie kürzlich eine Studentengruppe im Rahmen eines Hackathons. Das Studentenprojekt zeigt, dass die Verbannung der Fake-News von den sozialen Plattformen weniger eine Frage der technischen Realisierbarkeit als eine Frage der Unternehmenskultur zu sein scheint. Bei aller Kritik lässt Jarvis mit seinen Vorschlägen jedoch keinen Zweifel daran aufkommen, dass für Medienunternehmen in Zukunft kein Weg an den sozialen Medien vorbeiführt. Jarvis fordert gar, dass sich Form und Inhalte der klassischen journalistischen Darstellungsformen an die neuen Plattform anpassen müssten, z. B. durch die Anreicherung von Artikeln mit Memes, Videos, Fotos und weiteren interaktiven Elementen.

Der Verleger Tim O’Reillly spricht sich in einem Blogpost für eine konsequente algorithmische Lösung zur Bekämpfung von Fake-News aus.  Er will, dass der Wahrheitsgehalt („truth data“) von publizistischen Beiträgen algorithmisch über „Hinweise“ („signals“) in den Metadaten bestimmt wird. Bei Google gelten z. B. Verweise von vertrauenswürdigen und namenhaften Quellen auf einen Beitrag als Beleg für seine Relevanz. Auch Facebook könne durch das algorithmische Bewerten entsprechender Metadaten die schier unendliche Flut von Informationen richtig einordnen, schreibt O’Reilly. Er fordert ein intelligentes „System“-Design, das den Aspekt der Wahrheit („truth“) im selben Maß berücksichtigt wie Aspekte zur Förderung der Nutzerinteraktion („engagement“). Eine redaktionelle Auswertung von Inhalten lehnt O’Reilly ab. Was ist ein „gutes Ergebnis“, fragt O’Reilly, auf der einen Seite für den Benutzer, auf der anderen Seite für Facebook? Eine gute und sehr schwierige Frage. Kann Facebook diese Frage beantworten?