//Fake-News
Was Facebook jetzt gegen Hass und Populismus im Netz (vielleicht) tun muss
Unabhängig davon, wie relevant Fake-News für den Ausgang der US-Wahl tatsächlich waren, sind sie ein Problem und werfen grundsätzliche Fragen im Umgang mit den sozialen Plattformen auf. Muss Facebook handeln?
Die Wahlen in den USA wurden in den sozialen Netzwerken entschieden, so wird es in diesen Tagen in den Medien häufig kolportiert. Zwar gibt es Belege dafür, dass gerade in den letzten Wochen vor der Wahlentscheidung besonders viele Benutzer auf den sozialen Plattformen mit Fake-News in Berührung gekommen sind und vor allem politische Kräfte des rechten Rands gezielt auf die automatisierte Beeinflussung der Meinungsbildung über die sozialen Netzwerke, z. B. auch in Form von Bots, gesetzt haben, doch ob diese Form der „Interaktion“ mit den Fake-News tatsächlich für die Wahlentscheidung ausschlaggebend war, steht keinesfalls fest. Trotzdem sind Fake-News ein Problem, auch weil die sozialen Medien als Plattformen für die politische Meinungsbildung zunehmend relevanter werden. Laut einer aktuellen Studie des Pew Research Center nutzen 66 % der Menschen in den USA Facebook als Nachrichtenquelle. Dieser Trend, weg von den (gedruckten) Zeitungen hin zu den sozialen Plattformen, ist auch in Deutschland festzustellen.
Facebooks Strategie, sich ein weiteres Stück der publizistischen Medienaufmerksamkeit zu sichern, trägt den Namen „Instant Articles“ und möchte die eigenen Nutzer noch stärker an die eigene Plattform binden. Die Instant Articles fördern aber auch einen Kulturbruch in der medialen Wahrnehmung, denn mit einem Mal stehen sorgfältig recherchierte Beiträge namhafter Zeitungen gleichberechtigt neben Clickbait-Meldungen und Fake-News. Fake-News sind deshalb so gefährlich, weil sie durch die Nachahmung der Form lediglich Wahrheiten simulieren, die sich in den Echokammern von Facebook zu den krudesten Ansichten und Verschwörungstheorien verfestigen können. Das, was journalistische Qualität ausmacht, also inhaltliche Relevanz und vor allem das mühsame Prüfen von Quellen und Fakten, ist für unkritische (Schnell-)Leser jetzt schon kaum wahrzunehmen und wird schlichtweg als gegeben vorausgesetzt. Mit „Instant Articles“ werden diese versteckten Qualitätsunterschiede, die aber für den Realitätsabgleich der Menschen einer Gesellschaft untereinander so entscheidend sind, in der Wahrnehmung des unkritischen Lesers weiter nivelliert. In finanzieller Hinsicht sind die Instant Articles für die Medienunternehmen verlockend, jedoch gibt es nach wie vor Vorbehalte, das gesamte Aufmerksamkeitsmoment für das eigene publizistische Angebot an eine fremde Plattform abzutreten.
Wie geht es jetzt also weiter? Ist die viel zitierte „Filterblase“, in der wir dann in Zukunft alle vor uns hinlesen werden, wirklich der Untergang der Demokratie? Oder befinden wir uns inmitten eines notwendigen Kulturwandels, einer natürlichen Verschiebung des öffentlichen Diskursraums in die virtuelle Sphäre? Oder liefern wir damit den Raum zur demokratischen Meinungsbildung an hochkapitalistische Unternehmen aus, denen es ausschließlich um Gewinnoptimierung geht? Am Ende entscheidet letzlich der Nutzer, was er gerne haben möchte, und aus dieser Logik heraus führt vielleicht kein Weg daran vorbei, dass die Medienunternehmen ihr gesamtes publizistisches Angebot letztlich auf Facebook bereitstellen werden und müssen. Auch der Einwand, es habe ja in der analogen Welt schon immer so etwas wie Filterblasen gegeben, nur eben in einer anderen Form, scheint berechtigt. Unser soziales Umfeld setzt sich in der Regel aus Menschen zusammen, deren grundlegendes Werteverständnis wir teilen. Auch die Zeitung, die wir regelmäßig lesen, vertritt eine bestimmte politische Ausrichtung. Dennoch bleibt festzuhalten, dass mit dem Aufkommen der sozialen Plattformen ganz neue Räume der mehr oder weniger hermetischen Abriegelung entstanden sind, die sich für eine gezielte, billige und effektive Manipulation von Gruppen besonders gut eignen. Angesichts der weltweit erstarkenden populistischen Kräfte und der allgemeinen Fragmentierung der Diskursräume im Zuge der Digitalisierung ist das ein Problem. Ganz konkret heißt das z. B. im Hinblick auf die bevorstehenden Bundestagswahlen: Die AfD wird sich aller Wahrscheinlichkeit nach die Wahlkampfstrategie von Donald Trump zum Vorbild nehmen und über das rhetorische Vehikel der pauschalen Verunglimpfung der gesamten Presselandschaft („Lügenpresse“) ganz gezielt darauf setzen, in den sozialen Medien ihre ganz eigene Wirklichkeit in den Köpfen der (potenziellen) Wähler zu platzieren. Muss Facebook etwas dagegen tun?
Was Facebook angekündigt hat
Facebook und Google haben bereits erste wirksame Schritte zur Eindämmung von Fake-News unternommen, indem sie den Autoren gefälschter Nachrichten ab sofort den Zugang zum eigenen Werbenetzwerk verwehren und ihnen damit das Geschäftsmodell entziehen. Mark Zuckerberg hat auf öffentlichen Druck weitere Maßnahmen angekündigt. Auf seiner Facebook-Seite schreibt Zuckerberg, dass er die technischen Möglichkeiten zur Identifikation und Meldung von Fake-News verbessern möchte. Zuckerberg denkt auch über die Zusammenarbeit mit Medienhäusern nach, z. B. für das Fact-Checking von Nachrichten, die dann entsprechend gelabelt werden sollen. Feste Zusagen sind das jedoch nicht.
Was Intellektuelle fordern
Derweil werden von führenden Köpfen der Tech-Branche weitere Ideen angedacht. Der amerikanische Journalismusprofessor Jeff Jarvis, der sich offensiv für einen Medienwandel im Zeichen der großen Internetkonzerne wie Google und Facebook einsetzt, hat auf seiner Internetseite eine Reihe von Vorschlägen unterbreitet, was Facebook jetzt tun sollte. Dort finden sich viele der Ideen, die Mark Zuckerberg auch in seinem Post zu dem Thema veröffentlich hat. Darüber hinaus fordert Jarvis u. a., dass Quellen, Brands und Personen eindeutig verifiziert werden müssten („Expand systems of verified sources“), um Verwechslungen mit Nachahmern zu vermeiden. Auch sollten die Markenunternehmen selbst nach neuen Wegen suchen, die eigene Marke prominenter in den sozialen Medien auszustellen, um auf sozialen Plattformen besser unterscheidbar zu sein ("Make the brands [...] more visible to users"). Zudem fordert er eine (algorithmische) Prüfung der Quellen von Nachrichtenposts, damit der Nutzer z. B. faktenarme aber seriös anmutende Schaubilder klar von aufwendig erhobenen Statistiken unterscheiden kann („Track back to original sources of news items und memes“). Das Problem der Filterblase will Jarvis u. a. dadurch lösen, dass Facebook z. B. Vorschläge für Artikel unterbreitet, die nicht dem klassischen Interessensschema des Nutzers entsprechen. Facebook soll sich auch Drittentwicklern öffnen, die z. B. über intelligente Browser-Erweiterungen zur Einstufung von Posts entwickeln könnten, so wie kürzlich eine Studentengruppe im Rahmen eines Hackathons. Das Studentenprojekt zeigt, dass die Verbannung der Fake-News von den sozialen Plattformen weniger eine Frage der technischen Realisierbarkeit als eine Frage der Unternehmenskultur zu sein scheint. Bei aller Kritik lässt Jarvis mit seinen Vorschlägen jedoch keinen Zweifel daran aufkommen, dass für Medienunternehmen in Zukunft kein Weg an den sozialen Medien vorbeiführt. Jarvis fordert gar, dass sich Form und Inhalte der klassischen journalistischen Darstellungsformen an die neuen Plattform anpassen müssten, z. B. durch die Anreicherung von Artikeln mit Memes, Videos, Fotos und weiteren interaktiven Elementen.
Der Verleger Tim O’Reillly spricht sich in einem Blogpost für eine konsequente algorithmische Lösung zur Bekämpfung von Fake-News aus. Er will, dass der Wahrheitsgehalt („truth data“) von publizistischen Beiträgen algorithmisch über „Hinweise“ („signals“) in den Metadaten bestimmt wird. Bei Google gelten z. B. Verweise von vertrauenswürdigen und namenhaften Quellen auf einen Beitrag als Beleg für seine Relevanz. Auch Facebook könne durch das algorithmische Bewerten entsprechender Metadaten die schier unendliche Flut von Informationen richtig einordnen, schreibt O’Reilly. Er fordert ein intelligentes „System“-Design, das den Aspekt der Wahrheit („truth“) im selben Maß berücksichtigt wie Aspekte zur Förderung der Nutzerinteraktion („engagement“). Eine redaktionelle Auswertung von Inhalten lehnt O’Reilly ab. Was ist ein „gutes Ergebnis“, fragt O’Reilly, auf der einen Seite für den Benutzer, auf der anderen Seite für Facebook? Eine gute und sehr schwierige Frage. Kann Facebook diese Frage beantworten?
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