Auf dem Weg zu einer erweiterten Intelligenz
Manchmal merken wir es, manchmal aber auch nicht. Entweder
sind wir uns der Sache überhaupt nicht bewusst, oder der tägliche Umgang ist
uns schon so selbstverständlich geworden, dass wir einfach nicht (mehr) darüber
nachdenken. Ob Facebook-Timeline respektive -Suche, automatische Spracherkennung
auf dem Handy, Navigationssystem im Auto oder Foto-App mit Bilderkennungsfunktion,
überall analysieren intelligente Systeme für uns Unmengen von Daten nach nur schwer nachvollziehbaren Kriterien und
treffen darauf basierend Entscheidungen. Mit wem stehen wir gerade besonders
eng in Kontakt? Welches ist die beste Reiseroute? In welchen Ordner kommt dieses
Foto? Die Intelligenz agiert dabei meist in Form eines unsichtbaren Wesens, das
im Hintergrund nach seinen ganz eigenen Regeln spielt.
Hinzu kommt die Vernetzung der verschiedenen Dienste.
Googles Foto App verlagert die Fotoverwaltung kurzerhand in die eigene Cloud,
um den Benutzer noch „intelligentere“ Funktionen anbieten zu können. Unter dem
Deckmantel der Bequemlichkeit dieser Funktionen wird dabei oftmals ganz
nebenbei den Datenhunger des Unternehmens befriedigt, z. B. um jene hauseigenen
Intelligenzsysteme zu optimieren. Eine große Wahl hat der Benutzer oft
nicht, der Umstieg auf die neue App wird dem Benutzer durch entsprechende
Hinweise mitunter regelrecht aufgedrängt. Es fällt zunehmend schwerer den
Überblick darüber zu behalten, was mit unseren Daten passiert, wem die Daten
gehören und wo Systeme Entscheidungen auf Grundlage dieser Daten für uns
treffen, die vielleicht gar nicht unseren eigenen Vorstellungen und Wünschen
entsprechen.
Technologisches Prinzip der Stunde zur Entwicklung
intelligenter Systeme ist das sog. „Deep Learning“, das auf künstlichen neuronalen Netzen beruht. Mithilfe dieser
Netze wird versucht, die Repräsentation von Wissen im menschlichen Neocortex
nachzubilden. Neuronale Netze müssen für einen bestimmten Zweck und für die
Erkennung spezifischer Muster „trainiert“ werden, d. h. die Netze erhalten
einen spezifischen Input, der grundlegendes Wissen vorgibt, auf dessen
Grundlage das Netz Verallgemeinerungen trifft, die z. B. durch neuen Input
der Benutzer sukzessive erweitert und verfeinert werden. Das neuronale Netz „lernt“
also selbstständig dazu und entwickelt im besten Fall so etwas wie einen Sinn
für das menschliche Wirklichkeitsmodell (common sense), was z. B. im Hinblick auf
die Erfassung der semantischen Ebene von Sprache interessant
ist. Grundlage für die Sprachanalyse und -erkennung bildet dabei ein möglichst umfassendes (datenbankbasiertes)
Sprachmodell.
Neuronale Netze verfügen selbst über kein eigenes Wissen
sondern dienen lediglich der Strukturierung und Auswertung unstrukturierter
Daten. Die Netze sind in mehrere Ebenen angeordnet, die zunehmend komplexere
Merkmale zur Mustererkennung umfassen, um so möglichst hohe Abstraktionen
intelligenten Verhaltens zu erlernen. Neuronale Netze werden häufig zur
Kategorisierung großer Datenbestände verwendet. Gegenüber ihren Vorgängen, den
regelbasierten Systemen, und haben sie den entscheidenden Vorteil, dass sie
selbstständig lernfähig sind und so im Endergebnis Wissensbestände dynamischer
und letztlich genauer abbilden können.
Obwohl es künstliche neuronale Netze schon seit den 50er Jahren
gibt, erlebt diese Technologie derzeit eine Renaissance, weil die notwendigen digitalen
Datenmengen und Rechnerkapazitäten zur Verfügung stehen, um die Netze richtig
trainieren zu können. Zwei wichtige (kommerzialisierbare) Anwendungsbereiche von Deep Learning
im Bereich der Computertechnologie sind derzeit die Sprach- und Bilderkennung.
In beiden Bereichen konnten signifikante Leistungssprünge erzielt werden, die
dem Nutzererlebnis unmittelbar zu Gute kommen. Bestes Beispiel ist die aktuelle
Version der Google-Spracherkennung. Mit der Einführung von Deep Learning sank
die Fehlerquote um satte 25 % im Vergleich zur Vorgängertechnologie. Auch Apple
ist mit dem Erwerb von VocalIQ zur Optimierung der Spracherkennungstechnologie
Siri auf den Deep Learning-Zug aufgesprungen. Siri spielt dabei nicht nur für
das iPhone sondern auch für Apple TV und die Apple Watch eine strategisch wichtige
Rolle.
Und auch im Bereich der Bildanalyse wurden in diesen Tagen
zahlreiche Fortschritte vermeldet. Bereits im November 2014 stellte Google in Zusammenarbeit mit der Stanford University einen neuen Algorithmus vor, der
in der Lage ist, die Inhalte von Bildern zu erkennen und eine passende
Textbeschreibung dazu abzuliefern. Die
Bildanalyse umfasst in der Regel auch eine Gesichtserkennung. Unternehmen wie Google und Facebook
versprechen sich davon, Bilder „im Sinne ihrer Benutzer“ noch besser organisieren
zu können oder verweisen darauf, dass z. B. Menschen mit Sehbehinderung der
Zugang zu Fotos auf Facebook erleichtert wird. Die neuen gewonnen Informationen
lassen sich aber natürlich auch neu verknüpfen und auswerten, wodurch der
Benutzer im Prinzip ein weiteres Stück seiner informationellen Selbstbestimmung
an die Unternehmen abgibt.
Google probiert sich auch auf weiteren Gebieten mit
intelligenten Funktionen aus. Für die schnellere Beantwortung von E-Mails hat das
Unternehmen mit „Smart Reply“ inzwischen ein eigenes Verfahren auf der Basis
von „Deep Learning“ entwickelt, mit dem auf den Wunsch des Benutzers
automatisch Antwort-Mails für eingegangene E-Mails generiert werden. Für den
Benutzer bedeutet eine gelungene Umsetzung dieses Prinzips eine wesentliche
Zeitersparnis beim Beantworten von E-Mails, vor allem auf dem Mobiltelefon.
KI-Systeme spielen also eine immer größere Rolle für die
Konkurrenzfähigkeit eines Produkts und rücken zunehmend in den Mittelpunkt.
Dabei geht es neben der Einführung von z. B. möglichsten ausgefeilten Such-, Sortier-
und Kategorisierungsfunktionen vor allem auch um intuitive Bedienbarkeit. Im Rahmen der Sprachanalyse geht
es insbesondere um die Erfassung der semantischen Ebene von Sprache jenseits
isolierter Wortbedeutungen, ob für die Sprachsteuerung oder die Google-Suche. Auch
die Abbildung von Beziehungen mittels Algorithmen auf Facebook stellt eine
enorme Herausforderung dar. Durch Algorithmen verursachte zwischenmenschliche Missverständnisse
sorgen für Unzufriedenheit beim Benutzer und gefährden die Integrität des
Produkts.
Nahziel einer gelungenen intelligenten KI-Anwendung könnte sowohl
für Google als auch für Facebook ein intelligenter persönlicher Assistent sein,
mit dem der Benutzer in natürlicher Sprache interaktiv kommunizieren kann und
der Informationen aus verschiedensten Quellen vereint. Ein aktueller
Zwischenschritt dieser Entwicklung ist offenbar der Informationsdienst Google Now, der Informationen ohne Suche durch automatisches Zusammentragen von
Suchanfragen, Browseraktivitäten, Geräteinformationen und Standortinformationen
passgenau und personalisiert bereitstellt.
Intelligente Systeme werden in Zukunft die Aufgabe haben,
Unmengen unstrukturierter Daten zu analysieren und zu interpretieren.
Künstliche Intelligenz eröffnet in diesem Zusammenhang neue Möglichkeiten der
Auswertung. Dabei geht es nicht zwingend um die Ermittlung von definitiven
Antworten, sondern um die Gewichtung von Daten, um Wahrscheinlichkeitshypothesen
aufzustellen, die dem Menschen im jeweiligen Einzelfall als
Entscheidungsgrundlage dienen (können). Dieses Prinzip lässt sich auf die
unterschiedlichsten Branchen und Anwendungsbereiche übertragen. Im Rahmen
dieser Entwicklung muss der Mensch jedoch lernen, sich die informationelle
Selbstbestimmung zu bewahren, damit die Technologie auch im
gesamtgesellschaftlichen Sinn eingesetzt wird.
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