Freitag, 23. Oktober 2015

// VR, Journalismus

Am Krankenbett eines sterbenden Jungen

Eine neue Form des Journalismus auf der Basis von VR-Technologie verspricht unmittelbare Einblicke in ansonsten ferne Lebenswirklichkeiten.

Ob Radio, Fernsehen oder Zeitung, Internet, Computer oder Smartphone, jedes Medium funktioniert anders. Die VR-Technologie ist angetreten, um die nächste große Medienrevolution in Gang zu setzen, muss ihre Regeln aber erst noch finden. Es ist also Pionierarbeit gefragt.

Eine dieser Pionierinnen ist Nonny de la Peña. Die Harvard-Absolventin und Geschäftsführerin der Emblematic Group erprobt die Möglichkeiten der VR-Technologie im Journalismus. Ihre Arbeit bezeichnet de la Peña als „immersiven Journalismus“ und soll den Zuschauer wesentlich unmittelbarer an Ereignissen teilhaben lassen als es bisher der Fall war: „Man hat wirklich das Gefühl, vor Ort zu sein. Das Publikum wird Zeuge der Ereignisse, Geräusche und sogar der Gefühle im Moment des Geschehens. Kein anderes Medium kann dies leisten.“ De la Peña erkundet schon seit vielen Jahren die Möglichkeiten virtueller Realitäten. Im Jahr 2009 rief Sie das Projekt „Gone Gitmo“ ins Leben, eine Doku-Simulation auf der Online-Plattform Second Life über die Zustände im Gefangenen-Lager Guantanamo Bay. Entlang einer narrativen Struktur erlebt der „Spieler“ seine Einweisung als Häftling. Das in 3D-Optik nachgestellte Lager ist mit dabei mit realen Zeitzeugendokumenten angereichert. „Immersives Storytelling“ nennt de la Peña ihren Ansatz. Im Jahr 2012 feierte das Machinima „Hunger in Los Angeles“, das sie gemeinsam mit dem späteren Gründer von Oculus VR Palmer Luckey umsetzte, auf dem Sundance Film Festival Premiere. Der Zuschauer wird dabei Augenzeuge eines hypoglykämischen Schocks eines bedürftigen Menschen beim Warten auf die Essensausgabe.

In ihrer aktuellen Arbeit „Project Syria“ legt de la Peña ihr Augenmerk auf die Situation von vertriebenen Kindern im syrischen Bürgerkrieg. Angelehnt ist die virtuelle Erzählung an ein zeitgeschichtliches Dokument, das den tragischen Tod eines syrischen Kindes durch einen Bombenanschlag vor laufender Kamera einfängt. Der Zuschauer wird unmittelbar in das Geschehen hineinversetzt. Die Szene ist mit der Original-Audiokulisse des Vorfalls unterlegt und geht unter die Haut. „Das ist die Zukunft des Journalismus. Ich zweifle nicht daran. Es ist bildlich, emphatisch und intensiv. Ich sage nicht, dass es Zeitungen, Radio oder den Rundfunk ersetzen wird. Es ist aber eine neue Plattform, die es uns ermöglicht, wichtige Geschichten zu erzählen", sagt de la Peña.

Einen ähnlichen Ansatz verfolgt das kalifornische Unternehmen Emphatetic Media, das im Doku-Game „Ferguson Firsthand“ die Ereignisse um die Erschießung des afroamerikanischen Schülers Michael Brown durch den Polizisten Darren Wilson am 9. August 2014 in Ferguson, Missouri, nachstellt. Der Spieler erlebt das Geschehen dabei aus der Perspektive der verschiedenen Augenzeugen, deren Aussagen in Form von Comics visualisiert sind.

Ein weiterer Wegbereiter des VR-Journalismus ist Musikvideo-Produzent Chris Milk um die in Los Angeles angesiedelte VR-Produktionsfirma VRSE.works, der die VR-Technologie gerne als „die ultimative Empathiemaschine“ bezeichnet. In der fotorealistischen Dokumentation „Waves of Grace“ erlebt der Zuschauer hautnah das existenzielle Drama einer Frau, die nach dem Verlust von Familienangehörigen durch das Ebola-Virus Halt im Glauben sucht. Der Zuschauer sitzt dabei u. a. direkt am Krankenbett eines an Ebola erkrankten Jungen und nimmt an einer Bestattung teil.

In „Clouds over Sidra“ taucht der Zuschauer ein in das anhaltend provisorische Leben in einem syrischen Flüchtlingslager. Die Erzählerstimme des Flüchtlingsmädchens Sidra nimmt den Betrachter quasi an die Hand und führt ihn durch die verschiedenen Szenen des Flüchtlingsalltags.

Dass die VR-Technologie neue erzählerische Perspektiven der journalistischen Berichterstattung ermöglicht, steht außer Frage. Doch damit verbunden sind auch neue Fragen. Wie realistisch muss Journalismus tatsächlich sein, damit er seiner Rolle (der öffentlichen Meinungsbildung) gerecht wird? Führt mehr Realismus automatisch zu mehr Aufklärung und vermittelt die VR-Technologie ein basisdemokratischeres Bild von der Welt allein dadurch, dass die Distanz einer journalistischen Vermittlungsinstanz entfällt und der Zuschauer direkt in die Szenerie versetzt wird? Bedient die neue Technologie vielleicht lediglich die Sensationslust und ist ihre potenzielle politische Sprengkraft folglich nur von kurzer Dauer? Es bleibt abzuwarten, welchen Platz der VR-Journalismus in Zukunft einnehmen wird. Bis dahin ist noch viel Pionierarbeit zu leisten.

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