Am Krankenbett eines sterbenden Jungen
Eine neue Form des
Journalismus auf der Basis von VR-Technologie verspricht unmittelbare Einblicke in
ansonsten ferne Lebenswirklichkeiten.
Ob Radio, Fernsehen oder Zeitung, Internet, Computer oder
Smartphone, jedes Medium funktioniert anders. Die VR-Technologie ist
angetreten, um die nächste große Medienrevolution in Gang zu setzen, muss ihre Regeln
aber erst noch finden. Es ist also Pionierarbeit gefragt.
Eine dieser Pionierinnen ist Nonny de la Peña. Die
Harvard-Absolventin und Geschäftsführerin der Emblematic Group erprobt die
Möglichkeiten der VR-Technologie im Journalismus. Ihre Arbeit bezeichnet de la
Peña als „immersiven Journalismus“ und soll den Zuschauer wesentlich
unmittelbarer an Ereignissen teilhaben lassen als es bisher der Fall war: „Man
hat wirklich das Gefühl, vor Ort zu sein. Das Publikum wird Zeuge der
Ereignisse, Geräusche und sogar der Gefühle im Moment des Geschehens. Kein
anderes Medium kann dies leisten.“ De la Peña erkundet schon seit vielen Jahren
die Möglichkeiten virtueller Realitäten. Im Jahr 2009 rief Sie das Projekt
„Gone Gitmo“ ins Leben, eine Doku-Simulation auf der Online-Plattform Second
Life über die Zustände im Gefangenen-Lager Guantanamo Bay. Entlang einer narrativen
Struktur erlebt der „Spieler“ seine Einweisung als Häftling. Das in 3D-Optik nachgestellte Lager ist mit dabei mit realen Zeitzeugendokumenten angereichert.
„Immersives Storytelling“ nennt de la Peña ihren Ansatz. Im Jahr 2012 feierte
das Machinima „Hunger in Los Angeles“,
das sie gemeinsam mit dem späteren Gründer von Oculus VR Palmer Luckey
umsetzte, auf dem Sundance Film Festival Premiere. Der Zuschauer wird dabei Augenzeuge
eines hypoglykämischen Schocks eines bedürftigen Menschen beim Warten auf die Essensausgabe.
In ihrer aktuellen Arbeit „Project Syria“ legt de la Peña ihr
Augenmerk auf die Situation von vertriebenen Kindern im syrischen Bürgerkrieg. Angelehnt
ist die virtuelle Erzählung an ein zeitgeschichtliches Dokument, das den
tragischen Tod eines syrischen Kindes durch einen Bombenanschlag vor laufender Kamera
einfängt. Der Zuschauer wird unmittelbar in das Geschehen hineinversetzt. Die
Szene ist mit der Original-Audiokulisse des Vorfalls unterlegt und geht unter die Haut. „Das ist die Zukunft des Journalismus. Ich zweifle
nicht daran. Es ist bildlich, emphatisch und intensiv. Ich sage nicht, dass es
Zeitungen, Radio oder den Rundfunk ersetzen wird. Es ist aber eine neue
Plattform, die es uns ermöglicht, wichtige Geschichten zu erzählen", sagt
de la Peña.
Einen ähnlichen Ansatz verfolgt das kalifornische
Unternehmen Emphatetic Media, das im Doku-Game „Ferguson Firsthand“ die
Ereignisse um die Erschießung des afroamerikanischen
Schülers Michael Brown durch den Polizisten Darren Wilson am 9. August 2014 in
Ferguson, Missouri, nachstellt. Der Spieler erlebt das Geschehen dabei aus der
Perspektive der verschiedenen Augenzeugen, deren Aussagen in Form von Comics
visualisiert sind.
Ein weiterer Wegbereiter des VR-Journalismus ist Musikvideo-Produzent
Chris Milk um die in Los Angeles angesiedelte VR-Produktionsfirma VRSE.works, der die
VR-Technologie gerne als „die ultimative Empathiemaschine“ bezeichnet. In der fotorealistischen
Dokumentation „Waves of Grace“ erlebt der Zuschauer hautnah das existenzielle
Drama einer Frau, die nach dem Verlust von Familienangehörigen durch das
Ebola-Virus Halt im Glauben sucht. Der Zuschauer sitzt dabei u. a. direkt am
Krankenbett eines an Ebola erkrankten Jungen und nimmt an einer Bestattung teil.
In „Clouds over Sidra“ taucht der Zuschauer ein in das
anhaltend provisorische Leben in einem syrischen Flüchtlingslager. Die Erzählerstimme des
Flüchtlingsmädchens Sidra nimmt den Betrachter quasi an die Hand und führt ihn
durch die verschiedenen Szenen des Flüchtlingsalltags.
Dass die VR-Technologie neue erzählerische Perspektiven der
journalistischen Berichterstattung ermöglicht, steht außer Frage. Doch damit
verbunden sind auch neue Fragen. Wie realistisch muss Journalismus tatsächlich sein,
damit er seiner Rolle (der öffentlichen Meinungsbildung) gerecht wird? Führt
mehr Realismus automatisch zu mehr Aufklärung und vermittelt die VR-Technologie
ein basisdemokratischeres Bild von der Welt allein dadurch, dass die Distanz einer
journalistischen Vermittlungsinstanz entfällt und der Zuschauer direkt in die Szenerie versetzt wird? Bedient die neue Technologie vielleicht lediglich die
Sensationslust und ist ihre potenzielle politische Sprengkraft folglich nur von
kurzer Dauer? Es bleibt abzuwarten, welchen Platz der VR-Journalismus in
Zukunft einnehmen wird. Bis dahin ist noch viel Pionierarbeit zu
leisten.
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