Ordnung am Drohnenhimmel
Vielen
galt die Ankündigung von Amazon-Chef Jeff Bezos vor gut zwei Jahren, Pakete
künftig per Drohnenkurier ausliefern lassen zu wollen, als glatter Humbug.
Inzwischen arbeitet die NASA an einem System zur intelligenten Überwachung und
Steuerung des Luftverkehrs von Lieferdrohnen.
Es könnte schon bald vorbei sein
mit der Ruhe über unseren Köpfen. Ob Verkehrsüberwachung, Rettungs- und
Sicherheitseinsätze, Forschungsflüge oder die automatisierte
landwirtschaftliche Vermessung und Bewirtschaftung (Stichwort: Precision Farming), täglich werden in Industrie und Forschung neue Anwendungsszenarien für
den Einsatz von unbemannten Luftfahrzeugen (UAVs, unmanned arial vehicles) ersonnen,
die unser Leben revolutionieren sollen. Und mit ganz besonderer Wucht kündigt
sich in diesen Tagen die Welle der Lieferdrohnen an. Dies könnte langfristig
zum Problem werden, denn das Chaos am Himmel scheint vorprogrammiert.
Der Mann, der sich um dieses
Problem - rechtzeitig - kümmern möchte, heißt Dr. Parimal Kopardekar und ist Manager
des Safe Autonomous Systems Operations-Projekts am NASA Ames and Research and Development Center. Er beschreibt seine Aufgabe in einfachen Worten: „Nur weil
der Himmel weit und groß ist, heißt das noch lange nicht, dass man einfach
überall hinfliegen kann. Es müssen ein paar ‚Verkehrsregeln’ beachtet werden,
und es benötigt eine Art von Struktur. Und diese Struktur fehlt momentan noch.“
Bei aller Nonchalance ist die zu
bewältigende Aufgabe enorm. Ein Grund dafür ist schon allein die schiere Anzahl der Flugobjekte, denn in der
klassischen Luftfahrt besteht die Gefahr einer Kollision von mehr als zwei
Flugobjekten eigentlich fast nie. Das aktuelle Grundproblem besteht darin, dass
weder die Drohnen noch die Piloten untereinander kommunizieren können und deshalb
der Einsatz von Drohnen außerhalb der Sichtweite des Piloten nicht gestattet
ist. Dies soll sich in Zukunft ändern.
In einem ersten von mehreren
Testläufen erproben Dr. Parimal Kopardekar und sein Team derzeit auf dem
Privatflughafen Crows Landing, Kalifornien, unweit der eigenen
Forschungseinrichtung, ein Verkehrsmanagementsystem für Drohneneinsätze in der
Landwirtschaft, zur Brandbekämpfung und für die Infrastrukturüberwachung.
Bei diesem Versuch gibt der
Drohnenpilot, um seine Drohne auf den Weg schicken zu dürfen, die gewünschte
Route mit Datum und Uhrzeit in die Software des cloudbasierten Verkehrsmanagementsystems (UTM, Unmanned Aerial Systems Traffic Management)
ein, wo alle Drohnenflüge zentral erfasst und aufeinander abgestimmt werden.
Auf der Grundlage der berechneten Route wird der Drohne ein Luftraum zugeteilt,
in dem sie sich bewegen darf. Um sicherzustellen, dass die Drohne diesen
Luftkorridor nicht verlässt, setzen die Forscher auf das Prinzip des
Geofencing. „Geofences“ sind virtuelle Barrieren, deren Überschreiten ein
Signal im zentralen Überwachungssystem auslöst. Die Positionsbestimmung der
Drohne erfolgt selbstständig und in der Regel sattelitengestützt per GPS nach
dem Standard des Flugsicherungssystems ADS-B, bei dem die Flugobjekte über
Transponder permanent Lokalisierungs- und Geschwindigkeitsinformationen abstrahlen
(Broadcasting), die dann vom Verkehrsmanagementsystem erfasst werden. Im Rahmen
der ersten Testphase wird alternativ auch das Tracking über das Mobilfunknetz und
über ein Radarsystem erprobt. Zusätzlich werden Wetterdaten ermittelt, um diese
für die Flugbahn der Drohne zu berücksichtigen.
Das Problem eines solchen Systems ist, dass eine Sperrung
von Luftkorridoren in städtischen Gebieten bei deutlich erhöhtem Verkehrsaufkommen undenkbar wäre. Zumal wären ergänzende Antikollisionssysteme
erforderlich, um Hindernissen und anderen Flugobjekten auszuweichen. Aus diesem
Grund soll der Versuchsaufbau in vier Phasen schrittweise erweitert und in den
nächst komplexeren Anwendungskontext gehoben werden. Phase 2 ist für Oktober
2016 geplant und umfasst den Drohneneinsatz außerhalb der Sichtweite des
Drohnenpiloten in abgelegenen Regionen. In Phase 3 im Januar 2018 sollen
Sicherheitskonzepte für einen gemeinsamen Luftraum von bemannten und
unbemannten Luftfahrzeugen über dünn
besiedelten Gebieten getestet werden. Phase 4 im Jahr 2019 umfasst den
großflächigen Einsatz autonomer Flugobjekte für die Paketlieferung in dicht besiedelten Räumen.
Über den Erfolg eines solchen
Systems entscheidet dabei in erster Linie der Algorithmus. So arbeitet ein
Forschungsteam der Stanford University derzeit an einem Verfahren, das das
Problem der rasant wachsenden Komplexität der Kollisionsvermeidung bei einer
zunehmenden Anzahl von Luftverkehrsteilnehmern in den Begriff bekommen soll.
Welches System schließlich eine Zulassung erhalten könnte, entscheidet in den
USA die nationale Flugaufsichtsbehörde FAA (Federal Aviation Administration).
Aber vielleicht hat sich Jeff Bezos bis dahin ja schon was Neues ausgedacht.
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